Dienstag, 3. März 2015

Knietief im Blut


Autoren:        Sabine Weigand    /    Ralph Kloos      "Alte Hofhaltung 2013"


Kritik zum ZDF-Themenabend Hexenverfolgung in Bamberg mit der Romanverfilmung „SEELEN IM FEUER“ und der Dokumentation „HEXENWAHN“ am 2. März 2015. 

In Wirklichkeit war alles leider noch viel viel schlimmer …

Es liegt in der Natur unserer empathischen Gefühlswelt, dass wir echtes Mitleid mit den ca. 1000 unschuldigen Opfern fühlen, die damals einfach das Pech hatten, in die kranken Mühlen des christlichen Hexenwahns zu geraten. Da leistet die Romanverfilmung von Sabine Weigand ziemlich perfekte Arbeit, denn bis dato waren HEXEN wohl für die meisten Menschen eher mystische Fantasiefiguren aus der Feder der Gebrüder Grimm und Co.

Erst jetzt sahen viele Bamberger wohl auch zum ersten Mal und in epischem HD, welcher brutale Irrsinn sich wirklich im 17ten Jahrhundert innerhalb der Mauern unserer idyllischen Heimatstadt ereignet hat … 

Eine mir unbekannte Dame, die ich 2013 dort getroffen habe, sprach nach der Lektüre des Romans den Satz aus, der seit gestern Abend selbst den größten Fans dieser Stadt über die Lippen kommen könnte: Ich sehe Bamberg jetzt mit ganz anderen Augen. Nebenbei bemerkt ist der Roman von Frau Weigand noch einen ganzen Zacken besser als die aktuelle Verfilmung - aber das ist ja öfters der Fall - trotzdem hat mir der Film sehr gut gefallen.

Europaweit existierten zu jener Zeit die widerlichsten Auswüchse menschenverachtender Foltermethoden - doch die Bamberger Folterknechte legten noch ein paar eigene Perversitäten „oben drauf“. Eine ausführliche Demonstration dieser Methoden kann man wirklich keinem Zuschauer zumuten, denn „das Reissen der nackten Brüste mit glühenden Zangen“ (bis zu 15 Mal), das „Brennen mit der Schwefelfeder“ oder auch das Abbrennen des Haupthaares mit Alkohol sind mit Sicherheit zu abartig, um sie im TV zu zeigen. Trotzdem sind all diese schriftlich fest gehaltenen Brutalitäten in drei lokalen Archiven gesichert und somit genauso real, wie der berühmte Junius-Brief, den wir bereits im Jahr 2008 öffentlich auf unserer Website präsentiert haben.

Das ZDF hat mMn wirklich großen Mut bewiesen, dieses unbequeme und unschöne Thema zur Primetime zu senden, auch wenn es vor allem an der nachfolgenden Dokumentation einige Details zu berichtigen gibt.

Dennoch: „Seelen im Feuer“ lässt bei vielen Menschen definitiv die Frage aufkommen: Warum wurde dieser offensichtlich historische Stoff erst im Jahr 2013 verfilmt und warum wusste bis zum Jahr 2008 noch nicht einmal die Bamberger Bürgerschaft, was für ein einmaliger und abscheulicher Massenmord sich real in den Mauern ihrer wunderschönen Stadt abgespielt hat? Wie konnten diese abartigen Verbrechen so lange erfolgreich unter den Tisch gekehrt werden? Und wer ist dafür verantwortlich?

Dazu muss man wissen, das unser Team bereits im Jahr 2008 für die Deutsche Stiftung Denkmalsschutz „in den Ring gestiegen ist“ und das Malefizhaus am „Tag des offenen Denkmals“ vor etwa 450 Besuchern präsentiert hatte.


Wir wurden im Vorfeld und nach dieser einmaligen Veranstaltung von der Stadt und der Presse mehrmals gemobbt, verleugnet, zensiert, belogen, belächelt, beleidigt und sogar mit der Polizei bedroht, weil wir es gewagt hatten, einen offenen Brief an den damaligen Chefredakteur der einzigen Tageszeitung zu schreiben …  und trotzdem haben wir bis heute niemals aufgegeben - denn es geht uns auch insbesondere um die Ehre und die moralisch-ethische Rehabilitation der unschuldigen Opfer, die man in Bamberg - sie werden es nicht glauben - bereits zwei Mal im Kultursenat abgeschmettert hat - Dafür werden im Welterbe frevelhaft-korrupte Bauvorhaben abgewickelt, bei denen - schwuppdiwupp - einfach einmal 12 (zwölf) laufende Meter der alten historischen Sandstein-Stadtmauer illegal und insgeheim abgetragen werden (Zentralsaal-Neubau) -  trotz UNESCO-WELT-KULTURERBE-STATUS. 

Erst im Jahr 2012 hat die Stadt Bamberg zumindest ansatzweise reagiert, aber was soll schon dabei herauskommen, wenn man eine Kommission aus "Spezialisten" einberuft, die jahrelang „Ihr Bestes“ gegeben haben, um die perversen Grausamkeiten so gut es eben ging, zu vertuschen? Die einzigartige Ikone des lokalen Hexenwahns war zweifellos der prunkvolle Neubau namens Malefizhaus (dazu gehört auch der Hexenofen in Zeil), denn das Phänomen der Verfolgung hatte ganz Europa wie ein unsichtbarer Virus verseucht … doch nur im Hochstift von Bamberg wurden die Hexen dermassen kreativ und stolz mit einer hochmodernen und nagelneuen Tötungsmaschine „abgearbeitet“.

Trotzdem war der ZDF-Thementag ein sehr erfreuliches Ereignis für mich, mein kleines Team und all die Menschen, die uns auf dem langen Weg aktiv seit 2008 begleitet, unterstützt und geholfen haben.

Wirklich ernst gemeinte Hilfe hat es in der „Bildungsstadt Bamberg“ für uns niemals gegeben … von keiner Institution … dafür hat man unsere konkreten Museumspläne in den Jahren 2011 und 2013 erfolgreich torpediert … 

In dieser Stadt kann jedes Problem gemeinsam weggesoffen werden - das klappt im „Schrein des Grauens“ einfach immer - da ist es auch egal, wenn gewisse Schlipsträger entgegen eigener Lippenbekenntnisse dreist und unverfroren ihre zahlenden Gäste belügen und damit jedes Jahr ca. 2 Millionen Touristen um die wichtigste Geschichte der Stadt Bamberg betrügen …

Zur Dokumentation HEXENWAHN hätte ich dann noch Folgendes anzumerken: 
Der 14jährige Hänschen Morhaubt wurde im Jahr 1627 verbrannt - bis zu diesem Zeitpunkt hatte man in Bamberg und Zeil bereits mehr als 500 Menschen „zur Seelenreinigung ins Feuer geschickt“. Die Verbrennungen fingen also auf keinen Fall mit seinem Tode an …
Die erste „Bamberger Hexe“ wurde bereits im Jahr 1595 vor Ort verbrannt (Margareta Böhmerin) - und nicht, wie behauptet, in Zeil. Insgesamt wurden in Zeil am Main etwa 400 - in Bamberg ca. 600 Hexen verbrannt. Zeil war quasi das „Vernichtungslager“ von Bamberg.
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Ganz so abhängig, wie dargestellt, war der Fuchs von Dornheim nicht von seinem Generalvikar Förner, denn bereits 10 Tage nach dessen Tod am 5. Dezember 1630, wurden in Bamberg und Zeil jeweils eine Hexe verbrannt.
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Es ist richtig, dass der kaiserliche RHR in Wien die Prozesse in Bamberg am Liebsten beenden wollte … Allein, dem Hexenbrenner Fuchs von Dornheim war das anscheinend ziemlich - verzeihen Sie mir die Wortwahl - scheissegal. Zuerst liess er einen Großteil der von Wien angeforderten Prozessakten einfach „neu schreiben“, was durch wissenschaftliche Tintenanalysen bestätigt werden konnte, und dann wusste er ganz genau, dass ihm „nichts Großartiges“ passieren konnte - schliesslich war Krieg im Heiligen Römischen Reich Deutscher Länder und der Fuchs von Dornheim stellte dem kaiserlichen Heer jede Menge Truppen zur Verfügung. Die letzten 10 Insassen des Malefizhauses wurden dann auch erst am Tag vor dem Einmarsch der schwedischen Armee im Februar 1632 aus dem berüchtigten Hexengefängnis entlassen. Am selben Tag flüchtete der Hexenbischof über Forchheim nach Wien und Kärnten unter Mitnahme des gesamten Domschatzes.
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Die Opferzahlen, die Herr Professor Behringer seit Jahren publiziert, sind spätestens seit der kürzlichen Wiederentdeckung der „Flamersheimer Hexenprotokolle“ in den USA vor wenigen Monaten leider ziemlich „OUTDATET“ und damit FALSCH, denn seit diesem Fund spricht selbst die katholische Kirche in ihren eigenen Medien von mindestens 60.000 Opfern, die es alleine in Deutschland gegeben haben soll!
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Bei der Auswahl der präsentierten Opferschicksale habe ich auch so meine Probleme, denn selbst wenn die Episode der geschundenen Wirtin Barbara Schwarz wirklich dramatisch und einzigartig ist, so ist ihre Gewichtung im Vergleich zu dem Mord am höchsten deutschen Beamten - dem Kanzler Dr. Georg Haan - einfach nur marginal. Der Kanzler und seine gesamte Familie wurden allesamt und nacheinander in kurzer Zeit verbrannt und ihr Grundstück konfisziert. Damit war selbst für den letzten Bamberger Bürger ersichtlich, dass es nach diesem Justizmord keinerlei Grenzen mehr für die Hexenkommissare geben würde.
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Jetzt komme ich zum wirklich „heiklen Thema“ und ich habe erst mehrere Journalisten gefragt, ob ich dieses Problem evtl. etwas „zu eng sehe“ … aber man hat mich durchaus positiv bestärkt und so stelle ich ganz einfach folgende öffentliche Frage: Wie sehen es die Leser dieses Blogs, wenn es das ZDF, als eines der wichtigsten Deutschen Leitmedien, ablehnt (ich habe zweimal freundlich schriftlich interveniert) den Verbrennungsofen in Zeil am Main, der zweifelsfrei existiert und funktioniert hat, im Rahmen der gestern Abend gesendeten Dokumentation zu präsentieren? 
In jedem anderen Land der Welt würde ich nonchalant über diesen kleinen Fauxpas hinwegsehen … aber als Deutscher habe ich im Zusammenhang mit Verbrennungsöfen und Vernichtungslagern (nichts anderes passierte in Zeil) einen seltsamen Nachgeschmack, der mich irritiert hat und auf den ich meine Vertragspartner beim ZDF selbstverständlich schriftlich und mit Nachdruck im Vorfeld hingewiesen habe. Die aufgeführten Zitate zu diesem Ofen stammen von Rolf Hochhuth und Karlheinz Deschner; ich habe sie lediglich verwendet.

Eines noch: Nachdem jetzt klar sein sollte, was - zumindest im Ansatz - in diesen schrecklichen Zeiten im Namen Gottes in den Folterkammern der Inquisition passierte - stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie müssten sich unter folgenden imaginären Szenarien für Eines davon zwingend entscheiden: Sie wären dann wahlweise ein Gefangener von GESTAPO, ISIS, CIA oder der katholischen Inquisition und warten auf ihre bevorstehende Hinrichtung nach „Art des Hauses“ … 
Also ich wüsste zumindest ganz genau, „für was ich mich NICHT ENTSCHEIDEN WÜRDE … - was meinen Sie?“

Fazit: Im Frühsommer 2015 soll am Schloss Geyerswörth ein abstraktes Mahnmal für die Opfer des lokalen Hexenwahns aufgestellt werden .. und einige der Schlipsträger, die immer rigoros gegen eine lückenlose Aufklärung waren, werden sich dann garantiert im Scheinwerferlicht der Kameras räkeln und großspurig ihre Lügen zum Thema verzapfen … 
von wegen „hier wurde ja niemals etwas vertuscht“.

In der selbst ausgerufenen „Traumstadt der Deutschen“ übernachten jedes Jahr mindestens 500.000 Touristen. Wie viel Prozent hatten ihrer Meinung nach bis dato eine realistische Chance zu erfahren, was auf Bamberger Grund und Boden damals wirklich passierte ? Ich behaupte, wir reden hier von Promille-Werten und erst wenn sich dieser Zustand eines Tages ändert und an der Bamberger Autobahnausfahrt ein ähnliches Schild steht, wie seit zwei Jahren in Zeil am Main, erst dann ist die immer noch bestehende Vertuschung auch wirklich vorbei - und keine Minute früher.

Wir versprechen Ihnen, dass Sie nirgendwo mehr verifizierte Informationen über die damaligen Hexenverbrennungen finden werden, als im virtuellen Hexenbrenner-Museum oder in unseren Büchern… Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. 

Momentan ist dieses Angebot bereits in Deutsch und Englisch erhältlich … weitere Sprachen werden in Zukunft folgen.

PS.: Wie Sie in der rechten Leiste sehen, ist dieser Blog bereits seit 2007 aktiv ... Klicken Sie doch mal rein, wenn Sie die Entwicklung dieses Themas von Anfang an nachlesen möchten.

1 Kommentar:

Peter Pfitzke hat gesagt…

Ich bin bestürzt, aber auch begeistert.
Mach weiter so!

Peter Pfitzke